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Der Traum des Regisseurs F.

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Als ich den Regisseur F. zum letzten traf, standen wir uns feindselig gegenüber. Das kam daher, dass ich mit ihm reden wollte und er nicht mit mir. Der Regisseur F. redet nämlich einfach ganz furchtbar ungern. Er ist richtiggehend maulfaul. Und er hielt mich für das, was ich war, für einen Schwätzer, und ich tat, was ich tun mußte, ich schwatzte. Schwatzte dies und das und allerlei, F. setzte sich sich an seinen Stammplatz in seinem Stammlokal, begann mit Bierdeckeln Türme zu bauen und schwieg.
Natürlich setzte ich mich so neben ihn, dass er mir nicht entkommen konnte. Dann, vom Reden erhitzt, rückte ich ihm immer näher, in der Hoffnung, dass er mich so besser verstehe, so nah, dass er schließlich, nach langem Schweigen, mich um "ein wenig Distanz" bat, "Ich bin da ein bisschen altmodisch", fügte er hinzu. Glücklich über diesen ersten Satz schwatzte ich munter weiter, allerlei Kluges über die Funktion der Kunst und des Kinos, eines meiner Lieblingsthemen in Zeiten, in denen ich wenig zu tun habe.
Als mir die Weisheiten ausgingen, sah mich F. über den Rand seiner Sonnenbrille an und sagte dann, einigermaßen leise: "Eigentlich gehe ich nicht besonders gern ins Kino.", da ich ihn fragend ansah, fuhr er fort: "Ich fühle mich da immer ein bisschen kastriert.". Wie er das meinte, wollte ich wissen und F. sagte, mehr zu sich selbst, dass er dort meist in zu engen Sesseln hocke, dass er die Menschen um sich weder sehen und hören könne und dass er so oft das Gefühl bekomme, so gar nichts tun zu können. "Wissen Sie, ich lebe so gern. Und in solch dunklen Sälen lebt es sich schlecht." Dieses Gefühl könne er nur vergessen, wenn die Filme so spannend wie das Leben seien oder noch mehr.
"Das Sitzenbleiben im Kino ist für mich oft so sehr anstrengend."
Da sein Turm weiter wuchs, reichte ich ihm neue Bierdeckel vom Nebentisch. "Stehen Sie oft auf?"
"Immer an Stellen, an denen die Leute Dinge tun, die sie an sich gar nicht können oder nur eben im Kino."
Was er denn spannend fände, wollte ich wissen und F. antwortete,
während er weiter baute, dass er immer gern ins Kino gegangen sei, wenn es da Leute gegeben habe, mit einem Problem oder auch mehreren oder ganz vielen, die an die Versuche der Lösung gingen. "Problemfilme?", fragte ich töricht und F. schwieg wieder sehr lange, die Frage war auch sehr dumm.
Dann schüttelte er den Kopf. "Wenn es vielleicht um Dinge geht, die ich nicht kann, will ich doch wissen, wie sie das machen, dass sie es können, oder warum es kommt, dass ich es nicht kann. Ja", lächelte er, "dann gehe ich gern ins Kino."
Von der Kunst, die ich zu Anfang im Munde führte, davon verstünde er furchtbar wenig, auch von der Filmkunst, allenfalls soviel, dass er glaube, dass sie eine Funktion habe und die sei ganz praktisch, wenig kompliziert.
"Welche?", fragte ich. F. sagte einfach: "Wege zu finden."
"Welche?", fragte ich wieder und F. sagte einfach:
"Vor allem einen: Den Weg in die Freiheit des Menschen."
Kunst, die das unterlasse, könne ihm, freilich in allem Respekt, ganz und gar
gestohlen bleiben. Da ich in dieser Zeit für nichts lieber als einen Künstler gehalten werden wollte, wurde ich schlagartig blass um die Nase und faselte etwas von "notwendigen Experimenten".
"Oh", sagte F., "Sie experimentieren?"
Ich ginge demnächst daran, stotterte ich, voller Hoffnung, dass er sich für eins meiner so zahlreichen unbegonnenen Projekte interessieren könnte.
"Um eine Kunst zu studieren, sollte man fleißig experimentieren."
"Ja, ja, ja, ganz meine Meinung", ich wurde ganz rot vor Aufregung, weil ich ihn endlich einmal meiner Ansicht wähnte.
"Aber das Experiment ist nicht die Kunst, sondern sein Ergebnis ein Hilfsmittel zur Erstellung derselben."
Die Luft, die ich zuvor so heftig eingeatmet hatte, um mich im nächsten Atemzug mit großer Geste als "experimentierenden Künstler" ein für alle mal in den Olymp der Unsterblichen zu heben, blieb mir im schlagartig verstockten Brustkorb zurück.
Hastig griff ich nach einer Zigarette und versuchte, mit einer harmlosen Frage
den leichten Schwindel, der mich erfasst hatte, zu überspielen: Warum er denn eigentlich Filme drehe.
F. überlegte, dann antwortete er:
"Ich mache Filme, um etwas in Gang zu setzen. Experimente setzen noch nichts in Gang und Filme, die nichts in Gang setzen, die gibt's doch genug. Überlassen wir sie doch denen, die schon zu müde sind oder zu alt oder zu kraftlos. Eines Tages werden sie in ihre eigene Leere zusammenfallen. So!",
sagte er, legte den letzten Bierdeckel auf seinen Turm, gab ihm einen Stoß und alles purzelte ineinander.
Darüber schien er sich furchtbar zu amüsieren, denn er kicherte einen Zeitlang unentwegt vor sich hin. Um ihn für mich zu stimmen, lachte ich ebenfalls, allerdings klang es nicht sonderlich fröhlich. Plötzlich setzte er mir seinen ausgestreckten Zeigefinger auf die Brust, nahm seine Sonnenbrille ab und sah mir zum ersten Mal in die Augen.
"Die Zeit ist reif, nach den Sternen zu greifen."
Dann wandte er sich seinem Bierglas zu, nahm einen letzten Schluck und fügte hinzu:
"Den Sternen, die so hell blitzen und funkeln, um die Menschen immer wieder an ihre ungelebten Träume zu erinnern. An die Träume von einem besseren Leben."


Volker Maria Arend